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31.10.2019     Das war das Seminar „Endlich angstfrei reiten!“

 

„Wer zum Pferd fährt, fährt als ganzer Mensch dorthin – mit all seinen Stärken.“ Vielleicht war das der wichtigste Satz, den Referentin und Sportpsychologin Mag.a Catherine Gratzl den Teilnehmerinnen von „Endlich angstfrei reiten!“ mitgegeben hat. Weg von der Fokussierung auf Unsicherheit und Angst. Hin zu einem neuen Selbstbild und zur realistischen Einschätzung der jeweiligen Situation. Das Seminar fand am 27. Oktober 2019 in St. Georgen an der Gusen statt und ermöglichte den Teilnehmerinnen, ihre eigene Strategie auszuarbeiten. Veranstalter waren Maria Appenzeller und Reinhard Hochreiter von Hochreiter Seminare.

Gleich in der Vorstellrunde bittet Catherine Gratzl die Teilnehmerinnen, persönliche Stärken zu nennen – drei aus dem normalen Leben, drei aus dem Leben als Reiterin. Das ist gar nicht so einfach. Ein Raunen geht durch die Reihe. Dann kratzen Kugelschreiber über Papier. Manchmal ist es ganz still. Niemand schreibt. Alle denken angestrengt über ihre Stärken nach. Catherine Gratzl weiß: Kulturell bedingt sind wir Mitteleuropäerinnen darauf konditioniert, v. a. die eigenen Schwächen zu kennen. Was die Frau gut macht, fällt ihr gleich gar nicht ein. Umso wichtiger ist es, den Blick bewusst auf das zu richten, worin man gut ist.

Selbstvertrauen als Basiswerkzeug gegen Angst

Anschließend können die meisten drei Stärken im Leben benennen. Beim Reiten sind es oft weniger Stärken. Noch schwerer fällt es, sich zu überlegen, wie die Lebensstärken beim Reiten genutzt werden können. Für die Psychologin ist klar: Selbstvertrauen ist immer eine gute Basis. Sie fragt: „Von wem glaubt ihr, bekommen wir im Leben das meiste Feedback?“ Zögernd meint jemand: „Von uns selbst?“ „Genau!“, bestätigt Gratzl. „Wie oft sagt man: Ah, das hast du schlecht gemacht! – Und wie oft klopft man sich auf die Schulter und sagt: Satte Leistung!“ Die Blicke der Teilnehmerinnen sprechen Bände. „Gesteht euch Lob zu“, appelliert Catherine Gratzl. „Man nimmt niemanden etwas weg, wenn man sich selbst sagt: Gut gemacht!“ Als Methode empfiehlt die Psychologin das positive Selbstgespräch.

Ein Einwurf kommt: „Aber wenn jemand sich nur Leichtraben traut, ist das nicht gerade eine Stärke beim Reiten.“ Catherine Gratzl relativiert: „Für einen Berufsreiter nicht. Aber für eine andere Person im Moment durchaus. Es kommt ja auf den Bezugsrahmen an.“

Der Bezugsrahmen in Relation zum Selbstbild

Wenn sich der Bezugsrahmen ändert, kann sich auch das Selbstbild ändern. Einige Teilnehmerinnen können davon ein Lied singen. „Als ich noch jünger war, hatte ich diese Angst gar nicht.“ „Dann bin vom Pferd gefallen. Ich habe Angst, dass ich wieder runterfalle.“ „Seit mein Pferd auf Reha ist, ist es wie ausgewechselt. Wenn ich nur daran denke, zum Pferd zu fahren, wird mir schlecht.“ „Meine Lebenssituation hat sich geändert. Alles, was ich glaubte, aufgebaut zu haben, ist zerfallen. Plötzlich bin ich auch beim Reiten wie erstarrt.“ Catherine Gratzl plädiert für einen Stufenplan. Alles der Reihe nach, nichts auf einmal. „Ziel ist nicht, dorthin zurück zu kommen, wo man vorhin war. Ziel ist, mit dem neuen Selbstbild und dem neuen Bezugsrahmen, etwas Neues zu kreieren.“

Angst ist etwas sehr Individuelles

Jeder Mensch kennt Angst. „Angst ist überlebensnotwendig. Ohne Angst wären unsere Vorfahren vom Bären gefressen worden“, sagt die Psychologin. In einer weiteren Übung machen sich die Teilnehmerinnen auf die Suche nach dem Ursprung ihrer Angst. Was ist passiert, als die Angst zum ersten Mal aufgetreten ist? Wie äußert sich die Angst genau? Kippt man im Sattel nach vorne und zwickt die Knie zusammen? Wann meldet sich die Angst? Schon beim Einsteigen ins Auto?

Wie individuell Angst sein kann, zeigt sich am Beispiel einer Teilnehmerin: „Reite ich mein Pferd mit dem Lammfellpad – alles kein Problem. Aber sobald ich den Sattel drauflege, spüre ich die Angst. Der Sattel heißt für mich: Der Spaß ist vorbei.“ Catherine Gratzl formuliert es so: „Es geht nicht nur um die Situation, sondern auch darum, wie ich die Situation interpretiere. Wie beurteile ich eine Situation? Und wie beurteile ich mein Können in der Situation?“ Man sollte die eigene Angst gut kennen, aber auch seine Fähigkeiten. „Sobald der Glaube an die eigenen Fähigkeiten größer ist, als die Angst, ist man handlungsfähig.“

Woraus sich eine Strategie entwickeln lässt

Bei einer persönlichen Angstbewältigungsstrategie geht es nicht darum, nie wieder Angst zu verspüren. Im Gegenteil. Angst ist ein wichtiger Player. Catherine Gratzl spricht vom inneren Team. Die Stimme der Angst ist eine Stimme von vielen. Gäbe es nur die Stimme der Angst, würden die meisten gar nicht mehr reiten wollen. Aber oft ist Reiten mehr: Freude am Umgang mit dem Pferd, das Gefühl von Freiheit u. v. m.

Jede Teilnehmerin fragt sich anschließend, welche Fähigkeiten sie bereits besitzt und welche Fähigkeiten sie sich aneignen muss, um der Angst in herausfordernden Situationen den Stachel zu nehmen. Die Antworten sind individuell – von „Ich möchte in Trabübergängen sicherer werden und übe dies zweimal in der Woche“ bis zur Fähigkeit der Selbstreflexion. Nicht alles muss man selber machen. Manchmal ist Hilfe von außen der Schlüssel zum Erfolg.

Wichtig ist Catherine Gratzl ein realistisches und konkret formuliertes Ziel, das in kleinen Schritten angegangen werden kann. Wie dieses Ziel aussieht und welche Schritte dorthin führen, hat jede Teilnehmerin für sich erarbeitet.


Maria Appenzeller

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